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„Verrückt sind wir alle“ - Die Große Bühne des GEG

Michael Jaesrich

Die Gruppe, bestehend aus 11 Schülerinnen und einem Schüler, hat nun ein ganzes Jahr hart gearbeitet, um die sprachlich anspruchsvolle Adaption Roland Schimmelpfennigs angemessen auf die Bühne zu bringen. Und so viel sei schon verraten; das ist äußerst gut gelungen. Über die intensive Probenphase berichtet Eicks, „dass einerseits unglaublich viel gelacht, doch zunehmend auch das Abgründige des Stückes wahrgenommen wurde. Alice erlebt ja eigentlich einen Alptraum.“

Am Donnerstag, den 17. Juli feierte die GEG-Version von „Alice im Wunderland“ nun vor ausverkauftem Haus Premiere und das Publikum wurde gleich zum Auftakt durch harte audiovisuelle Effekte ins Geschehen gezogen. Alice und ihre Schwester (Fenna Haas, Klara Wilke) verbringen gerade noch die letzten Minuten gemeinsame „Normalität“, als das weiße Kaninchen, wunderbar hektisch-überdreht präsentiert von Ivana Juric, die Bühne betritt. Trotz der Warnungen ihrer vernünftigen Schwester, folgt Alice dem Kaninchen in seinen Bau und der absurde Reigen beginnt. Die neue Welt, das Wunderland, welches Alice nun betritt, erweist sich in jeder Hinsicht als nicht wirklich fassbar. Die Gruppe hat viele großartige Ideen umgesetzt, um die Konfrontation Alice‘ mit dieser verzerrten Welt auf die Bühne zu transportieren. Das Schrumpfen und Wachsen der Hauptfigur, aber auch ihr Beinahe-Ertrinken im selbst produzierten Tränenmeer wurden mit einfachen, aber genialen Inszenierungskniffen umgesetzt. Überhaupt müssen an dieser Stelle das liebevolle Bühnenbild, die farbenfrohen Kostüme, vor allem das Raupenkostüm, und die mitreißenden musikalischen Einlagen von Juliana Kolesch (Gitarre) und Ivana Juric (bosnische Langhalslaute) lobend hervorgehoben werden.

Das junge Mädchen Alice, äußerst stark verkörpert durch Fenna Haas, begegnet in der Folge immer neuen Figuren, von denen sie sich Rat oder Hilfe erhofft. Doch weder das überhebliche Ei Humpty Dumpty (Juliana Kolesch), noch die mysteriösen Zwillinge Diedeldum und Diedeldei (Alexandra Weinland, Johanna Durdel), bieten Orientierung. Im Gegenteil; die Figuren reagieren meist abweisend und haben größtes Vergnügen daran, Alice mit ihren Aussagen noch weiter zu verwirren. Auch die später auftretende Grinsekatze, die von Asiye Cayan herrlich verstrahlt dargeboten wird, und vor allem die um den irren und intensiv von Mattys Meyer verkörperten Hutmacher auftretende Teegesellschaft aus pfeiferauchender Raupe (Mia Digel) und Märzhase (Hanna Hüppop) sind keine Hilfe für das Mädchen. Alice scheint zunehmend ausgeliefert und beginnt an sich selbst zu zweifeln: „Wer bin ich wirklich?“

Spätestens hier wurde dem durch das kurzweilige Spiel und die herrlich farbenfrohen Kostüme geblendetem Publikum klar, dass es um mehr geht, als grotesken Klamauk. Auf der Bühne wurden Grundfragen des Menschseins verhandelt. Alice erlebt eine Sinn- und Identitätskrise und muss sich fragen, welche Rolle sie im Wunderland eigentlich zu spielen hat. Wenn wir ehrlich und mit offenen Augen auf unsere aktuelle Welt schauen, sind die Parallelen eigentlich kaum zu übersehen. Denn die Frage nach unserer Rolle in dieser Welt, deren Regeln uns ja auch allzu oft unverständlich bleiben, stellen wir uns wahrscheinlich häufiger, als wir uns dessen bewusst sind…oder sollten es zumindest.

Im weiteren Verlauf des Stückes wird die Verzerrung noch dadurch gesteigert, dass Alice durch eine zweite Schauspielerin (Lieza Thoms).verkörpert wird, die im wahrsten Sinne des Wortes kongenial agiert. Als diese Alice versucht, den Erlkönig aufzusagen, um sich selbst zu beweisen, dass sie ihre Welt noch beherrscht, scheitert sie auf seltsamste Weise. Lieza Thoms rezitiert ein vielstrophiges Gedicht in perfekter Manier, doch der Text gerät völlig aus den Fugen und spiegelt die Absurdität des Wunderlandes wider. Der verzweifelten Alice bleibt nur die Frage: Was soll ich denn jetzt machen?“ Die Antwort der plötzlich auftauchenden Grinsekatze ist da wenig befriedigend: „Entspann dich und reg dich nicht auf! Mach’s wie ich, ich bin gut drauf!“

Nach der Pause wird die Szenerie dann endgültig bedrohlich. Nach einer nicht enden wollenden Teeparty, zu der Alice abwechselnd ein- und wieder ausgeladen wird, tritt die Königin auf. Zuerst ist nur die kalte Stimme aus dem Off zu hören, die allen beteiligten Figuren, aber auch dem Publikum, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Dann betritt die düstere Monarchin, wunderbar kühl verkörpert von Anastasia Wiedmann, auch körperlich die Bühne. Ihr unstillbarer Hunger nach Hummer wird plötzlich für Alice zur Gefahr, denn das junge Mädchen soll vor einer Art Tribunal beweisen, dass sie nicht zu eben diesen Krustentieren gehört. Alice versucht im Angesicht der Herz-(losen) Königin die Fassung zu bewahren, doch in einer Welt ohne durchschaubare Regeln gerät selbst diese scheinbar leichte Aufgabe zur Qual. Die inhaltslosen Zeugenaussagen und Vorträge der anderen Figuren, besonders stark an dieser Stelle der Märzhase Hanna Hüppop, wirken geradezu kafkaesk (auch wenn dieser Autor bei der Veröffentlichung des Romans noch gar nicht lebte).

Das blitzlichtartige Panoptikum des Stückes geht dann ohne Urteil zu Ende und die letzten Szenen lassen die Frage offen, ob all das Dargestellte vielleicht doch nur ein Traum war. Alice befindet sich wieder in ihrem heimischen Schlafzimmer und kurz möchte der geneigte Beobachter aufatmen, doch sofort erscheinen erneut Figuren aus dem Wunderland…die Ambivalenz des Abends bleibt ungebrochen. Als in der Schlussszene dann alle beteiligten Figuren, und sogar Regisseur Eicks im blauen Alice-Kleid auf die Bühne kommen, fragt man sich doch: „Sind wir nicht alle ein bisschen Alice?“