Doch bevor das Buffet gestürmt werden darf, wirbeln nach einer kurzen Begrüßung durch die Lehrer:innen alle vier Klassen das erste Mal über die Bühne. Die 6a macht sich mit einem Alphabet-Rap warm für tongue twisters, Limericks und singt schließlich einen Song über unregelmäßige Verben, begleitet von Cora-Ann Wagener-Mühleck am Flügel. Teils mit selbstgemalten Postern präsentiert die 6d mit Holger Kunz Dialoge und kurze Szenen auf Französisch. Die 6c von Eveline Görlacher-Kuhn nimmt das Publikum nicht nur mit auf eine aufwändig bebilderte Sightseeing-Tour durch London, bei der man mehr serviert bekommt als die üblichen Baedecker-Tipps mit Fish and Chips: Zugleich wird das klischeehafte Touri-Verhalten ordentlich auf die Schippe genommen.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Beitrag der Lateinklasse den komischen Höhepunkt des Abends bildet? Magistra Angela Schmauder-Scheytt begleitet ihre discipuli mit dem Refrain Debemus discere multa verba am Klavier. Die kurzen drei(!)sprachigen Dialoge auf Deutsch, Latein und Schwäbisch, in denen allerlei auch unfreiwillig Komisches aus dem Unterrichtsalltag auf der Bühne veräppelt wird, haben die Schüler weitgehend alleine verfasst und spielen sie mit sichtlichem Vergnügen. Der erste Teil schließt mit Dialogen und Raps der 6d, die eindrücklich unter Beweis stellt, dass man die zweite Fremdsprache nicht achtlos der KI überlassen darf, weil avoir une excellente prononciation nur mit einem echten Französischlehrer wie Jochen Hemminger möglich ist.
Dass Shakespeare nicht nur etwas für Theater-Freaks mit Cambridge-Certificate ist, zeigt die 6d mit ihrer eigenen Version von Macbeth: Alle Beteiligten samt Lehrerin Julia Brauch bilden einen chorischen Halbkreis aus Hexen, in dessen Mitte sich das unheilvolle Geschehen von Shakespeares kürzester Tragödie abspielt. Zwei Erzähler und wenige Schauspieler raffen die Handlung extrem stark und sprechen dabei dennoch erstaunlich viel Originaltext. Viele Arme mimen den Wald von Birnam, bevor Macduff die Prophezeiung der Hexen endgültig entzaubert und den ehrgeizigen, grausamen Macbeth in einem dramatischen Schwertkampf zur Strecke bringt.
Und was, when the hurlyburly’s done, when the battle’s lost and won? Dann wird es noch einmal richtig komisch! Nous cherchons notre hamster! werden wir im echten Leben eher unwahrscheinlich auf Französisch sagen, aber im Theaterstück der 6a ist der Satz richtungsweisend: Zwei Freundinnen stellen auf der Suche nach ihrem Hamster das gesamte Schulhaus auf den Kopf und rufen mit Nous cherchons notre hamster! – Vorsicht, Runnig Gag! – überall große Verwunderung hervor. Währenddes düst der Hamster – ein Stofftier, montiert auf einem ferngesteuerten Auto – fröhlich voran und lässt sich von den Mädchen schließlich in der Mensa finden, mitten in der Spaghetti-Schüssel. Kein Hamster kommt zu schaden, der Tierschutz ist gewährleistet und der Nagetierbauch gefüllt. Dafür gesorgt haben Frau Falk und Herr Depner.
Der Abend endet mit zwei musikalischen Beiträgen: Die 6b singt zur E-Gitarrenbegleitung ihres Englischlehrers Konrad Fischer ikonische Songs wie 500 Miles, City of New Orleans und The Bare Necessities, bei denen einige im Publikum vergnügt mitsummen. Regelrechte Partystimmung kommt zum Schluss auf, als die 6c von Beate Rippel als geschlossene Tanzformation auf der Bühne steht und zu Jean petit qui danse die Benennung der Körperteile auf Französisch unvergesslich demonstriert. Die Bühne bebt, Beine fliegen hoch in die Luft und das Publikum setzt schon zum Mittanzen an, da wird der Abend mit einem freundlichen Merci! Bonne soirée! und A la prochaine! beendet.
Ursprünglich war der Fremdsprachenabend als Gelegenheit dafür gedacht, dass die Kinder etwas Anschauliches unmittelbar aus dem Unterricht heraus präsentieren. Inzwischen jedoch ist die Veranstaltung zu einem echten Highlight gegen Ende der Unterstufe geworden. Dem Publikum in der Mensa ist nicht erst beim rhythmischen Kehraus klar, dass keine KI der Welt solch einen flow totale auslösen kann. Und während der scheidende Ministerpräsiden in der Villa Reitzenstein wahrscheinlich immer noch glaubt, das Erlernen einer zweiten Fremdsprache sei im Zeitalter des vermeintlich allesflüsternden Smartphones obsolet geworden, überlegen sich im rebellischen Bad Urach sicher jetzt schon einige Sechstklässler, ob sie in gut einem Jahr vielleicht Spanisch als dritte Fremdsprache wählen möchten. Quién sabe, vielleicht sehen wir in zwei, drei Jahren einige dieser Gesichter wieder, dann bei einer noche española.
© Julia Brauch