Zentraler Angelpunkt des Stückes ist Truffaldino, ein Angehöriger der Unterschicht, getrieben von unstillbarem (Lebens-)Hunger. Er sieht die Chance, seine finanzielle Situation aufzubessern, indem er sich gleich bei zwei Herren verdingt, ohne dass diese sein Doppelengagement durchschauen. So wird er zum Diener des jungen Adligen Florindo (Júlia Benovičová) und wartet gleichzeitig dessen Standesgenossen Federico Rasponi (Alessa Wirth) auf. Gesteigert wird die Problematik dieses doppelten Arbeitsverhältnisses durch den Umstand, dass Frederico in Wahrheit Beatrice heißt und als Mann verkleidet in die Rolle ihres verstorbenen Bruders schlüpft, um ihren Geliebten Florindo in Venedig zu suchen, der zu Unrecht des Mordes an ihrem Bruder beschuldigt wird.
Die verworrene und sprunghafte Geschichte ist in wenigen Zeilen kaum zu fassen, bietet der versierten Truppe aber unzählige Möglichkeiten für Situationskomik und ermöglicht allen Schauspielern die volle Bandbreite ihres Talents zu präsentieren.
Mathias Eicks, Leiter der „Großen Bühne“, führt für die Auswahl des Stückes noch einen pragmatischen Grund an: „Die Schüler spielen lieber Goldoni als Sophokles, denn Komödien evozieren unmittelbare Reaktionen beim Publikum.“
Dass die Truppe den hohen Ansprüchen des komplizierten Werkes mehr als gerecht wurde, sei bereits vorweggenommen.
Der unglaublich ausdrucksstark spielende Janis Steger zeichnet seinen Truffaldino so lebensecht, dass das Publikum dessen unstillbaren Hunger unmittelbar nachempfinden kann. Bauernschlau und frech improvisiert sich der Arlecchino Truffaldino durch die Widrigkeiten seiner Doppelrolle. Die immer schneller auf ihn herabstürzenden Aufträge der beiden Herren kann er kaum noch auseinanderhalten, und so kommt es bald zu Missgeschicken und Verwechslungen, die wiederum schnelle Ausreden und Lügen erfordern. Das erratische Verhalten des „geteilten“ Bediensteten können weder „Federico“ noch Florindo deuten und so reagieren sie zunehmend unwirsch, worunter nicht nur Truffaldinos Mahlzeiten, sondern auch seine körperliche Unversehrtheit leiden. Dabei bleibt viel Raum für erheiternden Slapstick: „Man soll den Herren dienen, aber man sollte den Herren auch sagen, dass sie etwas mehr Menschenliebe zeigen sollen.“
Den Höhepunkt des Stückes stellt dann sicherlich die doppelte Bewirtungsszene dar. Die Aufgabe beiden Herren gleichzeitig mit verschiedenen Essensbestellungen aufzuwarten bringt Truffaldinos Kartenhaus endgültig zum Einsturz und Beatrice (Frederico) und Florindo erkennen einander. Der Diener zweier Herren übernimmt also eine ambivalente Katalysatorrolle, indem er die beiden Liebenden auseinanderzuhalten sucht, um sie am Ende gerade dadurch wieder zu vereinen.
Diese narrativen Verwirrungen ließen das Publikum aber zu keinem Zeitpunkt aus der fesselnden Inszenierung aussteigen; dafür sorgte schon das Geschick des erfahrenen Regisseurs Mathias Eicks. Die „altväterliche“ Übersetzung aus dem 18. Jahrhundert wurde von ihm maßvoll überarbeitet und so trägt die Sprache, vor allem die äußerst treffsicheren und amüsanten Einschübe aus dem zeitgenössischen Italienisch, das Stück über den ganzen Abend. Hervorzuheben ist zudem die äußerst liebevolle Bühnengestaltung. Ein Pizzaofen und eine mit großem handwerklichem Geschick von Volker Hüppop konstruierte Gondel bilden den mediterranen Hintergrund für das Geschehen. Abgerundet wird das „dolce Vita-Flair“ durch zielgenau eingesetzte Musik von Paolo Conte bis Adriano Celentano; Bellissima!
Dass die dramatische Kunst am GEG inzwischen auf extrem hohem Niveau betrieben wird, bewies das gesamte Ensemble auch in diesem Jahr und entsprechend schwer fällt es, einzelne Leistungen hervorzuheben. Trotzdem gebührt dem grandiosen Dialog zwischen Pandolfo (Mia Digel) und Rosaura (Hanna Hüppop) an dieser Stelle eine gesonderte Erwähnung. Beide werden das GEG nach diesem Jahr verlassen und nutzten ihre Chance, um noch einmal zu zeigen, was sie in den vergangenen Spielzeiten an schauspielerischem Repertoire aufgebaut haben. Sowohl durch Mimik, als auch durch den akzentuierten sprachlichen Ausdruck erfüllten sie ihre Rollen mit einer Lebendigkeit, die alle Anwesenden beeindruckt zurückließ.
Nach dem donnernden und langanhaltenden Applaus strömten die Zuschauer beglückt im die laue Sommernacht des Ermstals; wobei der ein oder andere sich gedanklich wohl eher in venezianischen Gefilden dünkte.
BESETZUNG
Pandolfo Mia Digel
Rosaura Hanna Hüppop
Dr. Lombardi Johanna Durdel
Silvio Soraya Heiden
Frederico/Beatrice Alessa Wirth
Florindo Júlia Benovičová
Tebaldo Vera Kranz
Blandina Lara Sobotta
Truffaldino Janis Steger
Gondoliere/Aufwärter Floriane Götz
Regie Mathias Eicks
Technik Amaury-Etienne Kroh, Radl, Hannes Schiller,
Jakob Schiller
Plakat Alessa Wirth
Bühnenaufbau Peter Waimer, AK Technik
Programmheft Julia Brauch