Ist der Mensch ein Tier?

von Michael Jaesrich

Ist der Mensch ein Tier?

Michael Jaesrich

Eine Fabel? Die Oberstufen-Theater-AG bringt eine Fabel auf die Bühne? Vielleicht wird sich das der eine oder andere Besucher gefragt haben, als er an einem der drei Aufführungstage den Lichthof des GEG betrat. Was kann ein solcher Stoff schon hergeben? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Mitnichten!

Mathias Eicks, der die Theater- AG nun  im zweiten Jahr leitet, hat sich ganz bewusst für diesen großartigen Stoff entschieden. Bekannt sind die Erzählungen um den listigen Fuchs Reineke im deutschsprachigen Raum schon seit dem 11. Jahrhundert. Große Verbreitung erreichte dann der in niederdeutscher Sprache verfasste Versepos Reynke de vos von 1489. Immer wieder wurde der Stoff aufgegriffen, angepasst, verändert. Auch Johann Wolfgang von Goethe konnte sich den faszinierenden Erzählungen um den schlauen Rotpelz nicht entziehen und gestaltete 1793   seine Version in freien Hexametern.

Es war gerade die sprachliche Gestaltung die Mathias Eicks‘ Interesse weckte: „Die Kombination aus ‚altertümlicher‘, metrisch gebundener Sprache und einem zeitlosen Stoff, der sich wunderbar aktualisieren lässt, hat mich sofort angesprochen. Natürlich haben die Schüler kurz geschluckt angesichts der Herausforderung diese Verse auswendig zu lernen, doch auch sie erkannten schnell die großen Möglichkeiten des Stückes.“

Und so machte sich die dreizehnköpfige Schülergruppe unter Anleitung Eicks‘ zu Beginn des Jahres an die Ausarbeitung einer eigenen Version. Sprachlich wurde entsprechend viel im Orignial belassen und nur einzelne Passagen dezent aktualisiert. Die dramaturgische Umsetzung hält dagegen viele Überraschungen für das Publikum bereit. Das Ergebnis dieser fast einjährigen Bemühungen wurde der thearteraffinen Öffentlichkeit nun erstmals am 13. Juli im Lichthof des Gymnasiums präsentiert.

Begrüßt wurden die erwartungsfrohen Gäste durch die Krähe Scharfenebbe (Tamara Pascher), die über den Abend hinweg als Erzählinstanz fungierte und das Publikum mit den wichtigsten Figuren des Fabelepos bekannt machte. Die Eröffnungsszene wies zudem auf ein stilprägendes Element hin, das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehen sollte. Während die sprachliche Gestaltung des Originaltextes nur sehr behutsam verändert worden war, zeichnete sich die Eickssche Inszenierung, wie bereits angedeutet, durch großen dramaturgischen Mut aus. Die Tierwesen des Stückes tanzten sinnigerweise zum 70er Jahre-Hit „Stayin alive“ auf die Bühne und die einleitenden Informationen über Charakter und Taten Reinekes wurden mit Bildern unterlegt, die auf aktuelle Politiker bzw. das politische Zeitgeschehen verwiesen. Der im Original als Nobel bekannte Löwen-König trat als Donald auf und das brüchige Bündnis der missgünstigen Reineke-Gegner mit CSU-Parteifreundschaften verglichen. Die Verbindung modernster Entwicklungen mit einem uralten Narrativ funktionierte perfekt. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, wohnt die Verknüpfung wesensfremder Elemente dem „Reineke Fuchs“ doch schon von Anfang an inne: Tiere, die sich wie Menschen aufführen, die menschliche Rollen und Stereotype verkörpern, aber immer auch triebgesteuerte Tiere bleiben.   

Es gelang der jungen Schauspielerriege glänzend, diese Frage nach den Grenzen menschlicher Freiheit, nach dem Einfluss der Triebe, letztlich die Grundfrage nach der menschlichen Natur auf die Bühne zu bringen: Das Stück der Tiere als Allegorie auf menschliches Handeln.

Am deutlichsten verkörperte sicher die Hauptfigur Reineke Fuchs das eben beschriebene Dilemma. Glänzend dargestellt von Nadine Bizu irrlichterte der listige Fuchs durch das Stück und erinnert in vielen Szenen an andere maliziöse Gestalten der Literatur wie Loki oder Mephisto.

Sicher, Reineke begeht schreckliche Taten, lässt sich, von seinen innersten Gelüsten getrieben, immer wieder zu wahren Gewaltorgien hinreißen und mordet direkt auf der Bühne sowohl den Hasen Lampe (Leonie Denzel), als auch die Erzählerkrähe Scharfenebbe (Tamara Pascher). Weitere Morde und viele Untaten begeht Reineke über das Stück hinweg und doch kann man ihm als Zuschauer nicht wirklich böse sein. Das liegt zum einen an seinen wendig-windigen Argumentationen, mimisch, gestisch und stimmlich schaurig-schön untermalt von Nadine Bizu,  zum anderen aber vor allem am Verhalten der übrigen Tiere.

So will König Donald (Deniz Akdeniz) immer wieder lautstark Recht und Ordnung in seinem Reich erzwingen, doch sind seine Motive zu offensichtlich von Ehrsucht, Habgier und gekränktem Stolz getrieben, als dass man mit ihm fühlen könnte. Die einzelnen Vergehen des roten Gesellen sind sicherlich zu verurteilen, sofern man einem Fuchs füchsisches Handeln überhaupt vorwerfen kann, doch spiegelt der Hauptprotagonist lediglich die Verworfenheit der scheinbar moralisch überlegenen Tiergesellschaft, die sich in Dummheit und Gier  offenbart. Die Folgen spüren der Bär Braun und Kater Hinze am eigenen Leib. Ausgesandt, um Reineke zum Prozess an den Hof Donalds zu bringen, gehen sie Reineke auf den Leim. Von der Gier nach Honig bzw. Mäusen getrieben, vergessen beide Schergen ihren ursprünglichen Auftrag, lassen sich vom Fuchs zu Einbrüchen verleiten und gehen dem intellektuell Überlegenen geradewegs in die Falle. Dass die rote Hauptfigur die gewaltsame Bestrafung von Bär und Kater schließlich den Menschen überlässt, spricht für sich. Ja, wer sich mit dem Fuchs anlegt, muss einen hohen Preis bezahlen und obwohl das Stück meist eher unterhaltsam daherkommt, bleibt dem ein oder anderen Zuschauer doch das Lachen im Halse stecken, als die Schmerzensschreie des Bären (paula Dax) und das Wimmern der Katze (Luise Kleih) die Bühne erfüllen.

Wen die teilweise doch recht brutalen und derben Handlungen des „tierischen Stücks“ erstaunen, der wende sich getrost den neuesten Nachrichten zu und die Aktualität des Stückes erschließt sich unmittelbar.

Im zweiten Teil der Inszenierung ziehen sich die Schlingen um Reineke bedrohlich zusammen und nach vielen Wendungen wird er gar an den Hof Donalds verbracht, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Noch einmal versammeln sich alle Feinde des Fuchses, geführt von Reinekes ärgstem Widersacher Isegrim dem Wolf (Alexander Grassl), und fordern seine Bestrafung. Löwenkönig Donald scheint nicht mehr zu besänftigen. Der wütende Monarch zeigt die Fratze der Macht und verurteilt den listigen Fuchs, den Stimmungen seines Volkes instinktsicher folgend, zum Tod am Galgen. Das wiederum kann Reineke so nicht gelten lassen: „Ich lasse mich nicht von einem König hängen, der nur durch mich König ist!“ Und wieder einmal blitzt das Handeln aktueller Zeitgenossen subtil auf. Den König, dessen launenhaften und machtgierigen Charakter Deniz Akdeniz pointiert und völlig losgelöst auf die Bühne zaubert, kongenial unterstützt von der konsumgeilen Löwenkönigin (Denise Huttelmaier), kann Reineke ein letztes Mal korrumpieren. Er führt den scheinbar allmächtigen Monarchen quasi am Nasenring über die Bühne, indem er dessen Gier nach einem vermeintlichen Schatz weckt und zudem die eigenen Widersacher Braun, Isegrim und Bellyn der Verschwörung bezichtigt. So erhält Reineke eine letzte Chance, sein Leben in einem Zweikampf gegen Isegrim zu retten. Dieses „Gottesurteil“ wird, mit Verweis auf amerikanische Sportevents, natürlich religiös-patriotisch legitimiert (US-Hymne). Die beiden Figuren, moralisch durchaus ähnlich zweifelhafte Gestalten, verkörpern unterschiedliche Spielarten der Gewalt. Während der Wolf mit roher, körperlicher Kraft den Sieg erringen will, verlässt sich Reineke, vorbereitet von seiner Frau Ermelyn (Nina Braunbstein), auf List und Tücke.  Letztlich sind es durchaus derbe Finten, die den Fuchs siegen lassen und in denen die mittelalterlichen Wurzeln des Stückes durchscheinen. Rasiert und eingeölt windet sich Reineke aus den Klauen des Gegners und „pisst“ ihm in die Augen. Der geblendete Gegner wird danach brutal kampfunfähig gemacht. Reineke ist der Sieger…und um den allegorischen Charakter des Stückes abzurunden, versammeln sich wieder alle Tiere, um den eben noch Geschmähten ausgiebig zu feiern. Allzu menschlich geht es zu ihm Tiereich!

 

Nach circa zwei Stunden intensiven Theatererlebnis erhielten die glücklichen aber erschöpften Schauspieler ihren verdienten Lohn: Begeisterungsstürme brachen sich Bahn und Schulleiter Friedemann Schlumberger überreichte Schauspielern, Regisseur und Technik jeweils eine Rose. Großartig war es, was die Theater-AG dieses Jahr wieder auf die Bühne gezaubert hat. Apropos Bühne: An dieser Stelle sei noch auf die fantastische Inszenierungsleistung verwiesen. Das Bühnenbild, auf den ersten Blick schlicht, unterstrich das Gezeigte zu jeder Minute. Mit klugen, minimalistischen Mitteln ließ Mathias Eicks Wälder und Berge erwachsen. Bilder, „Tweets“ und Musik wurden passgenau eingesetzt, um das Handeln der Figuren hintergründig zu unterstreichen. Der von unserem Hausmeister Peter Waimer konstruierte Bühnenvorhang und die von Familie Wenzel selbst konstruierten und gespendeten Bühnenelemente (Thron, Fuchsbau) erlaubten dutzende von effektvollen Einsatzmöglichkeiten. Besonders hervorzuheben ist sicherlich auch die Kostümierung. Sparsam und dennoch unglaublich ausdrucksstark hatten Carmen Bizu und Ellen Geml frisiert, geschminkt und drapiert und kreierten so charakteristische Rollenerscheinungen.

Letztlich bleibt einfach nur zu sagen: Bravo!

 

Bravo und Dankeschön an alle Beteiligten, die uns wieder einmal einen wunderschönen Theaterabend am GEG bereitet haben:

Regie: Mathias Eicks

Schauspieler: Nadine Bizu, Tamara Pasche, Lisa Müller, Deniz Akdeniz, Denise Huttelmaier, Paula Dax, Luise Kleih, Michelle Kammer, Alexander Grassl, Ann-Christin Schwerdtfeger, Nina Braunstein, Conni Strähle, Leonie Denzel, Melinda Peschut

Technik: Steffen Schwerdtfeger, Tim Knappe, Kolja Haas, Maxim Kerschbaumer

Maske: Carmen Bizu, Ellen Geml

Bühnenbild: Christine Wenzel, Uwe Wenzel, Sabrina Wenzel, Peter Waimer, Paula Dax

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