Von Hexe Raffzahn und ihren beiden dämonischen Gehilfen Potz und Blitz aufmerksam durch einen Zauberspiegel observiert, bemühen sich die einzelnen Märchenabteilungen, die angemahnten Modernisierungsvorschläge mehr oder weniger ambitioniert umzusetzen.
Schneewittchen soll eher im Sinne einer Figur aus „Sex und the city“ agieren, was dem freundlichen Mädchen und den lustigen sieben Zwergen sichtlich schwer fällt. Doch die Drohung, dass eine von Aschenputtels bösen Stiefschwestern die Rolle übernehme könne, zeigt eine gewisse Wirkung. Apropos Aschenputtel: Der Märchenprinz wird zum Marketingexperten, rettet den Ballbesuch durch Expressversand von Kleidungsstücken und vergisst auch nicht, die berühmte Schuhszene durch Verweise auf Zalando aufzupeppen. Das Märchen wird zum Werbeblock.
Hexe Raffzahn zappt sich derweil von Abteilung zu Abteilung und genießt sichtlich, das von ihr angerichtete Chaos.
Bereits zur Pause war das Publikum offensichtlich begeistert vom großen Spielwitz der Truppe, den aufwändig gestalteten Bühnenbildern und einer passend gewählten musikalischer Untermalung der Szenerie. Regisseur Christoph Nörr begründet die Auswahl des Stückes dann auch gerade mit dem hohen Identifikationspotential der thematisierten Märchen. „Schüler und Publikum kennen die Stoffe und durchschauen die vielen Brüche der klassischen Märchenstruktur. Das machte schon bei den intensiven Proben extrem viel Spaß und wir hoffen, dass es dem Publikum auch so ergehen wird.“
Dieser Wunsch ging offensichtlich in Erfüllung und lautstarkes Lachen begleitete das rasante Spiel über weite Strecken.
Im weiteren Verlauf des Abends schien die kapitalistische Rationalisierung der altehrwürdigen Märchen munter fortzuschreiten. Der Wolf bietet ein weiteres Mal süffisant an, bei der Reduzierung des Personals (Geißlein) mitzuhelfen, während die Geißenmutter beginnt, den klassischen Duktus der Grimm-Märchen durch „chilligen“ Jugendslang zu ersetzen. Lediglich Dornröschen will lieber schlafen, als die geforderten Neuerungen umzusetzen.
In der immer wieder eingeblendeten Rahmenhandlung des Kinderzimmers wurden die Märchenbücher inzwischen durch das digitale Gadget „Hexa“ ersetzt. Das KI-gestützte „Tool“ dürfe aus urheberrechtlichen Gründen keine echten Märchen mehr erzählen und verlegt sich daher darauf, gefällige und individuell zugeschnittene Geschichten zu „generieren“. Dem Publikum schwant Ungemach.
Co-Regisseurin Alessa Wirth erklärt später, dass sie und Regisseur Nörr gerade an dieser Stelle eigene Gedanken in das Stück eingebaut hätten: „Es ging uns darum, die aktuellen Entwicklungen und Diskussionen um die Künstliche Intelligenz aufzugreifen. KI kann nicht kreieren. Sie ist kein Mensch und ihr fehlt das, was grundlegend das Schreiben und andere Kunstformen so herausragend macht.“
Aufmerksamen Zuschauern könnte an diesem Punkt aufgefallen sein, dass der bunte, den Bühnenrückraum schmückende Schriftzug „Kreativität“ im Zuge der letzten Bühnenumbauten zunehmend ausgedünnt wurde und einzelne Buchstaben verschwunden sind. Kurz vor Ende bleiben nur noch die beiden Lettern „A“ und „I“ übrig; ein eindeutiger Hinweis auf die das Märchenreich überwuchernde „Künstliche Intelligenz“ (AI: artificial intelligence).
Eine Abkehr vom scheinbar unaufhaltsamen Verfall der Märchenwelt gelingt erst, als das durch den Abend irrlichternde Rumpelstilzchen zufällig mitbekommt, dass die Hexe Raffzahn lediglich willige Vollstreckerin des perfiden Plans ist, alle Märchen abzuschaffen. Gemeinsam wehren sich die Märchenwesen, die erst bemerken, dass eine „Hexe Raffzahn“ gar nicht zum klassischen Figurenkanon gehört, gegen die Zumutungen einer „schönen, neuen Digitalwelt“ und besinnen sich auf die klassische Erzählkunst.
In der Folge verschwindet „Hexa“ wieder aus den Kinderzimmern und die Hexe Raffzahn wird selbst zu einer echten, erzählten Figur transformiert.
Zum Abschluss des Premierenabends erhielt das vierzehnköpfige Ensemble den wohlverdienten Dank in Form langanhaltenden Applauses.
Das war wieder einmal eine große Leistung der „Kleinen Bühne“…und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie noch heute.
Christoph Nörr (Regie), Allessa Wirth (Co-Regie, Design), Rahel Blucke (Geißenmutter, Zwerg, Stiefschwester), Indira Bröcker (Rotkäppchen, Aschenputtel), Lulu Dwork-Weis (Schneewittchen, Hildegard, Geiß), Damian Engel (Blitz, Zwerg, Geiß), Lara Engelfried (Böse Fee, Zwerg, Stiefschwester), Gwendolyn Heiden (Stiefmutter, Mutter), Carlotta Rodrigues Dias de Melo (Hexe Raffzahn), Alma Rominger (Königin, Geiß, Zwerg), Alena Schülke (Dornröschen, Geiß, Zwerg), Kim Schulze (Kind, Geiß, Zwerg), Magnus Schwarz (Zwerg, Potz), Jonne Traub (Rumpelstilzchen, Max Mustermann, Prinz), Neele Vöhringer (Großmutter, Stiefmutter, Gute Fee), Marius Wirth (Böser Wolf), Elisabeth Nörr (Täubchenstimme).