Mit Mut gegen Hasenfüßigkeit und Spalterei

Musical-AG begeistert mit Löwenherz – Leonardo und das magische Amulett

Julia Brauch

Der verwitwete Medicus Hieronymus ermutigt seinen Sohn Leonardo in dunklen Zeiten der Pest, sich keinen Denkverboten zu unterwerfen und zum Wohl der Menschheit nach einem Heilmittel gegen die Epidemie zu suchen. Dabei vertraut der Forscher sowohl der Macht der Sterne als auch seiner Beobachtungsgabe. Der Inquisitor Domingo spürt den friedfertigen Hieronymus in seinem einsamen Versteck in den Wäldern auf und lässt ihn von seinen mit Lanzen bewaffneten Schergen in Kettenhemden mit Getöse festnehmen. Während dem Vater der Scheiterhaufen droht, kann sich Leonardo dank des magischen Käfer-Amuletts in letzter Minute retten. Die inständig herbeigerufene Fortuna entreißt den Jungen der Gefahr – und spuckt ihn ohne Anleitung zum Überleben auf dem trostlosen Parkplatz eines Einkaufszentrums in der Gegenwart aus.

Die aufwändigen Kulissen, mit viel Liebe zum Detail gestaltet von der Bühnenbild-AG um Gesine Goldberg und Anna Zanzinger und unterstützt von Peter Waimer, machen den Zeitsprung von der behüteten väterlichen Hütte in die anonyme Großstadt atmosphärisch greifbar, und die Technik-AG unter der Leitung von Hannes Schiller und Amaury Kroh liefert mit Nebelmaschine und fein austarierter Sound- und Lichtregie den sprichwörtlichen Theaterdonner. Mit seinem neuen Freund Anton und dessen „Club der Loser“ findet Leonardo sich prompt erneut auf der Verliererseite der Geschichte wieder, zumindest aufs Erste: In den Schikanen von Schizzos Bande sieht der Junge nicht nur mangelnden Respekt, sondern erkennt dahinter die perfide Strategie des Divide et impera, teile und herrsche. Die Rotzlöffel drangsalieren ihre vereinzelten Opfer, egal ob Gleichaltrige oder die sichtlich überforderte Lehrerin im sterilen Klassenzimmer, rücksichtslos und verbreiten Angst und Schrecken.

Während die neuen Freunde erfahren, dass nur das beim Zeitsprung verloren gegangene Skarabäus-Amulett Leonardo dabei helfen kann, seinem Vater zurück in der Vergangenheit das Leben zu retten, erinnert Leonardo sich der Lektion des Vaters, nicht hasenfüßig dem Bösen das Feld zu überlassen, sondern im Vertrauen auf Fortuna den Gegenangriff zu wagen. Mit großer Spielfreude trägt das Ensemble den Konflikt auf der Bühne aus: Wortgefechte, schmissige Lieder und eindrucksvoll choreographierte Kampfszenen wechseln sich rasch ab. Regisseurin Dorothea Hirschfeld ist es mit sorgfältigem Sprechtraining gelungen, dass man den gesprochenen wie den gesungenen Text bis in die letzte Reihe versteht. Bemerkenswert ist außerdem, wie sicher über vierzig Bühnendarsteller die schnellen Szenenwechsel auf der Bühne koordinieren.

Andreas Schmittbergers abwechslungsreiche Tonsprache setzt Daniela Cremer in ihrer musikalischen Leitung ausdrucksvoll und rhythmisch pointiert um: Ihr immer wieder neu zusammengesetzter Chor singt frei und auswendig, gesprochenes und gesungenes Wort wechseln sich natürlich ab. Die Musik treibt die packende Handlung mal voran, mal kommentiert sie lyrisch perlend, wenn Konzertpianistin Cremer gemeinsam mit Cellistin Johanna Klöpping mehrere virtuos vorgetragene Intermezzos einfließen lässt, und ersetzt mit Flügel und Cello ein ganzes Orchester, das die Handlung wie einen dramatischen Soundtrack trägt. Mehrfach treten Schülerinnen für solistische Liedvorträge, Cajón-Solos und effektvolle Raps aus der Chormasse ins Rampenlicht. Der in der Handlung besungene Mut ist für das Ensemble kein leeres Wort: Das Publikum spürt das gemeinsam gewonnene Selbstvertrauen der Bühnendarsteller und belohnt so viel Einsatz und Können mit brandendem Applaus.

Leonardo bringt mit seinen neuen Freunden tatsächlich so viel Mut auf, dass die Feindseligkeit der Schizzo-Bande zu bröckeln beginnt und sich plötzlich die magische Anzahl von sieben Freunden zusammenfindet, die dem Jungen mit Hilfe des Amuletts – einem kunstvoll gestalteten Requisit – die Heimkehr in seine Epoche ermöglicht. Zurück bleiben die Großstadtkinder, die sich verwundert darüber freuen, dass sie den feigen Spalter Schizzo mit gegenseitigem Vertrauen und Zusammenhalt tatsächlich bezwungen haben, indem sie dessen „Spaß auf Kosten anderer“ mit ihrer Mission ein Ende setzen. Offen bleibt hingegen, ob es Leonardo noch rechtzeitig gelingt, seinen Vater vor dem Scheiterhaufen zu retten. Mit einem Happy End wird das Publikum also nicht entlassen – eher mit der Ermahnung zu Wachsamkeit und Menschlichkeit.

Mit Löwenherz ist es Daniela Cremer und Dorothea Hirschfeld endgültig gelungen, das Musical fest im Schuljahresrhythmus des GEG zu verankern. Ihre Arbeit sprengt den Anspruch einer einfachen AG: Mit viel Ausdauer haben sie alle Beteiligten zu einem gemeinschaftlichen Projekt angeleitet, das nicht nur das beständig wachsende Ensemble musikalisch und darstellerisch beflügelt, sondern auch viele unsichtbare Köpfe und Hände hinter der Bühne dazu animiert, dem Musical bis in die Endproben eigene Akzente zu verleihen. Wenn Schule häufig vorgeworfen wird, nur Stückwerk zu produzieren, so beweist dieses Unternehmen, dass Musik, Schauspiel und Choreographie, Licht und Ton, Bühnenbau, Kostüm und Maske ein begeisterndes Mosaik zu schaffen vermögen, das bei den Beteiligten wie im Publikum jetzt schon die Vorfreude auf die nächste Produktion weckt.